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Die Geschichte der Stadt (1931)

Die Geschichte der Stadt, Teil 10

(Geschätzte Lesezeit: 14 - 27 Minuten)

Ein Gang durch Gronau

 

Das äußere Bild

Die heutige äußere Anlage der Stadt, wenn auch in gewissen Grundzügen sehr alt, beruht auf dem Bebauungsplan, den die Fürstbischöfliche Regierung zu Hildesheim, veranlaßt durch die früheren großen Brände, im Jahre 1759 aufstellte. Danach ist die Stadt in ihrer jetzigen Gestalt aufgebaut worden.

Der Häuserblock zwischen der Haupt- und Blankestraße, im Westen mit deren Vereinigung beginnend, und im Osten mit der Straße "Am Markt" abgeschlossen, gibt die äußere Form der ganzen Altstadt wieder, und wird "Das Schild" genannt. Es führen 2 Quergänge und ein alter "Wächterstieg" hindurch. Zwei große Längsblöcke von Häusern, der eine von Haupt- und Südstraße, der andere von Blanke- und Nordstraße begrenzt und beide von je 3 Querstraßen durchschnitten, lehnen sich an die beiden Langseiten des Schildes, während ihm Rathaus und Kirche mit einer kleineren Gebäudegruppe vorgelagert sind. Dieser regelmäßige Stadtkern erfährt dann nach den verschiedenen Richtungen eine mehr oder weniger starke Ausweitung.

Besonders eigenartig ist Gronaus Lage infolge der Drittellung der Leine: der Fluß gabelt sich zunächst etwa 1 Kilometer südlich der Stadt; der westliche Arm fließt in leichter Biegung, Gronau am äußersten Westzipfel streifend, seinen Weg weiter, der östliche Arm aber biegt scharf ab, teilt sich oberhalb der früheren städtischen Mühle, der jetzigen Papierfabrik, abermals, und seine beiden Arme umfließen nun, der eine rechts, der andere links, den größten Teil des Ortes, um sich schließlich mit dem westlichen Hauptarm wieder zu vereinigen. Die Stelle, wo sie sich vereinigen, heißt der Kreuzkolk. Aus diesem Flußlauf ergibt sich selbst die Notwendigkeit dreier Brücken, zweier im Westen (Leintor), einer im Osten (Steintor) der Stadt. In früherer Zeit waren natürlich die beiden Hauptbrücken, die ja den Eingang nach Gronau bewachten, durch Torwachen gesichert; Leintor und Steintor wurden abends geschlossen und morgens geöffnet; und die Stadtbewohner konnten in Frieden schlafen. Ältere Einwohner werden sich noch an das Wächterhäuschen vor dem Steintor erinnern; es hat bis zum Jahre 1870 gestanden.

Die Mittelpunkte jeder alten deutschen Stadt waren Kirche, Rathaus und Marktplatz, die deshalb auch meistens nahe beieinander lagen. Von der Gronauer Matthäikirche ist bereits ausführlich die Rede gewesen, aber auch Rathaus und Marktplatz wurden schon wiederholt gestreift. Das Rathaus (das heutige Verwaltungsgebäude II), 1831 als Schule gebaut, dient erst seit 1896 seiner jetzigen Bestimmung. Bis dahin befanden sich die städtischen Verwaltungsräume in dem heutigen Ratskellergebäude, an einem Platze also, an dem vermutlich schon das im Jahre 1435 errichtete Gronauer Rathaus gestanden hatte.

Ob der Marktplatz schon immer ein so genaues Rechteck gewesen ist wie heute, wird sich wohl nicht mehr feststellen lassen. Jedenfalls aber haben sich auf ihm die entscheidenden Vorgänge des Stadtlebens in ganz anderem Maße abgespielt als heute. Volksversammlungen fanden dort statt, Beschlüsse wurden dort gefaßt, und bis ins 19. Jahrhundert hinein hielt sich der Brauch, daß auf dem Marktplatz den Gronauer Bürgern alljährlich das Ergebnis der Ratsneuwahl verkündet wurde. Außerdem aber war der Marktplatz der Hauptort des Vieh- und später des Warenverkaufs. Hier hielten die Handwerker, und besonders die Fleischer und Bäcker, die Schuhmacher und Töpfer, ihre Erzeugnisse feil, hier stellten sich an den Markttagen die Händler und Kaufleute oft von weither ein und boten den Einwohnern Gelegenheit, ihren Bedarf an Waren zu decken, die in der Heimat nicht hergestellt wurden. Seit altersher gab es in Gronau 4 Märkte; der Frühjahrs- und Herbstmarkt waren die größten, aber sie haben sich alle bis zu unseren Tagen gehalten, wenn auch in sehr verschiedenem Ausmaß. Allerdings, die Handwerker, die noch vor einem halben Jahrhundert auf den Märkten erschienen, sind heute verschwunden, aus dem wirtschaftswichtigen krammarkt ist eine reine Volksbelustigung mit Drehschaukeln, Schießbuden, Glücksrädern und sonstigen Tingeltangel geworden. Aber die Kämmereikasse hat immerhin noch einige Einnahmen aus der Platzgebühr.

Die Straßennahmen sind größtenteils nach der Lage oder irgendeiner Eigenart der Straßen gewählt und daher leicht verständlich. Die Blankestraße zeichnete sich wohl, da sie weniger benutzt wurde, durch besondere Sauberkeit aus. Dir Burgstraße führte nach der bischöflichen Burg. Die Rittergüter der Adelsgschlechter, der Junker, lagen an der danach benannten Junkernstraße. Noch vor 30 Jahren las man auf dem Namensschilde der heutigen Mönchstraße die Bezeichnung "Mönnekenstraße". Sie bildete den Zugang vom Marktplatz zu dem an der Ecke der Junkernstraße (dem Engelbrechtschem Besitze gegenüber) geelgenen "Paterhofe" des Hildesheimer Michaelisklosters, der ständig von Ordensbrüdern bewohnt war, woraus sich der Name "Mönneken- = Mönchstraße" erklärt. Die Kießau sollte eigentlich "Kiesau" geschrieben werden; denn sie heißt offenbar so, weil sich dort vor der Bebauung der Kies abgelagert haben wird, den die Leine bei Hochwasser auswarf; aber die lebendige Sprache zog das leichter zu sprechende "Kießau" vor, und die Schreibung folge ihr. Lehderberg und Empedastraße halten die Erinnerung an die untergegangenen Dörfer Lehde und Empeda aufrecht. "Am Hopfenberg" hat die Stadt für ihre Brauerei den Hopfen gebaut. Die Georgstraße führt nach dem St. Georgs-Stift.

In diesem Zusammenhang seien auch einige der vielen, ungemein bezeichneten Flurnamen der Gronauer Feldmark erwähnt: Steinpaul, Tweftje, Osterbrink, Harkenschloh, Lindenkamp, Saure Maate, Schleppweg, Jeyberg, Friesenkamp, Peterberg, Am Uthberge, Hartenwinkel. Lehder Feld, Bekumer Feld, Riesfeld, Im alten Dorfe, Landwehr, Lange Wiese, Hoher Escher, Rockberg, Arschkerbe, Auf der kleinen Worth, Ölje-Platz, Eiland, Wildfang, Seidenkamp, Schusterkamp, Kanian. Diese Namen, die sich größtenteils von selbst erklären, sind ein Beweis für das bildhafte Denken des Volkes, für seine sprachschöpferische Kraft und für die Treue, mit der solche Bezeichnungen Not und Tod zum Trotz, im Bewußtsein des Volkes fortzuleben vermögen. 

Außer dem hübschen Markt besitzt Gronau noch einen zweiten geräumigen Platz, den am Leintor, neben der Straße zwischen den beiden Brücken gelegenen Spiel- und Turnplatz. Er wurde als solcher 1928 der Stadt 1928 auf dem früheren Schützenplatze errichtet und erfüllt in seiner gediegenen Anlage den Zweck, der Jugend die Gelegenheit zur Körperschulung und zu heißem Wettstreit der Kräfte zu geben, aufs trefflichste. Der an sich schon gut gelegene Platz gewinnt noch besonders durch die Umrahmung von hohen Pappeln.

Nicht weit davon beginnt der wundervolle Bantelner Weg mit seinen 1000jährigen Eichen, von denen eine über der Erde einen Stammumfang von 7 Metern hat. Von diesem Wege aus, der auf leichter Erhöhung sich neben der Leine von Gronau bis Banteln hinzieht, hat der Wanderer einen freien Blick ins Leinetal, auf die Siebenberge und etliche schmucke Dörfer. Und immer wieder wird sein Auge von dem silbernen Band des Flusses mit dem rauschenden Wasserwehr angezogen. Aber nicht nur das Landschaftsbild fesselt den Naturfreund, es liegt am Wege auch der Bantelner Friedhof mit einer alten Kapelle; das ist das ehemalige Gotteshaus des untergegangenen Dorfes Feldbergen. Der Hohlweg am Friedhof führt den Namen "Tillyschlucht". Durch ihn gingen einst die Bewohner der benachbarten Dörfer hinab zur Bantelner Mühle. In dieser Schlucht soll der große Gegner des Schwedenkönigs Gustav Adolf gelagert haben, - wahrhaftig, die Schauer der Natur und Geschichte umwehen auf dem ganzen Wege den Wanderer  und ziehen ihn in einen seltsam mächtigen Bann.

Am entgegengesetzten Ende der Stadt, auf dem Hohen Escher, haben wir einen Anziehungspunkt ganz anderer Art. Hier ließ die Stadtverwaltung im Jahre 1911 einen kleinen, aber lieblichen Park anlegen, der sich unter steter Pflege und Hut zu einem köstlichen Schmuckstück entwickelt hat. Auch einen Tummelplatz mit Spielgeräten für die Kinder und eine Rodelbahn gibt es da. Zahlreiche Bänke laden zur Rast und Ausschau auf Gronau und das von Bergzügen rings umkränzte Leinetal. Kein Wunder, daß der Stadtpark ein gern aufgesuchtes Ziel der Spaziergänger bildet. Sehr reizvoll ist auch die schmale Weganlage neben der Bahnstrecke nach Elze, zur Zeit der Obstblüte ein Erdenfleck, der den meisten der vielen um ihrer Baumblüte Willen gerühmten Ausflugsorte kaum nachsteht.

Drei Denkmäler und einen Gedenkstein hat Gronau aufzuweisen. Das älteste Denkmal, 1872 errichtet, steht auf dem Marktplatze als Siegeszeichen für den Krieg von 1870/71 gegen Frankreich. Es ist ein sich nach oben verjüngender Vierkantstein; er trägt die Worte: "Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre." An dem vierkantigen Grundblock sind die Namen der beiden an jenem Feldzuge gefallenen Gronauer eingemeißelt. Lange Jahre wurden die Schulfeiern am Gedenktage (2. Sept.) vor diesem Denkmal abgehalten.

Als das deutsche Volk im Jahre 1913 die Jahrhundertfeier seiner Befreiung vom Joche Napoleons beging, regte sich auch in Gronau der Wunsch nach einem Mal der Erinnerung an die große Zeit. Besonders der Krieger- und der Verschönerungsverein setzten sich für den Gedanken ein. Der Kreis stiftete eine angesehene Summe, Sammlungen wurden abgehalten, der Fürst von Stolberg-Werningerode schenkte einen Felsblock aus der steinernen Renne im Harz, als Platz wurde eine Stelle vor dem Leintor zwischen den beiden Brücken bestimmt, und am 8. Oktober 1913, dem Jahrestage der Völkerschlacht bei Leipzig, konnte in erhebender Feier das Denkmal enthüllt werden: auf dem Felsblock breitet ein Adler seine Schwingen, und die Inschrift darunter, dem Sportplatz der Jugend zugekehrt, mahnt: "Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an!"

Hunderteinunddreißig Söhne der Stadt Gronau haben ihr Leben im Weltkriege für Volk und Heimat lassen müssen. Diesen Toten zum Gedächtnis ist auf dem Hohen Escher im Stadtpark ein Ehrenmal errichtet, ihre Namen sind an den 12 Säulen, die den Altarstein der Mitte umgeben, aufgezeichnet, und der Geist ihrer Träger ruft uns zu: "Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!"

Das schlicht-schöne Denkmal, wohl geeignet, die Lebenden zu stiller Zwiesprache mit den Gefallenen verweilen zu lassen, mit Bäumen und Sträuchern umpflanzt, ist ein Werk des Architekten Rüsthardt aus Hildesheim. Es entstand im Jahre 1923; bei der ergreifenden Einweihungsfeier am 23. Sept. 1923 hielt Lehrer Schramme die Weiherede.

In die Grundsteine der beiden letztgenannten Denkmäler sind Urkunden über die allgemeinen und örtlichen Verhältnisse zur Zeit der Errichtung eingelegt worden. 1913 und 1923, nur 10 Jahre liegen dazwischen, aber welch ungeheure Erschütterung umschließen sie, welchen Wandel!

Dem ersten deutschen Reichspräsidenten, Friedrich Ebert, weihte am 5. Juli 1931 das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold am Bantelner Wege einen Gedenkstein; ein grauer, unbehauener Felsblock, an dem einen Ende auf einem, an dem anderen Ende auf zwei kleineren Steinen ruhend, trägt er das Kopfbild des ersten Reichspräsidenten, von dem Bildhauer Heinz Rüsthardt aus Hamburg gestaltet. Der Stein versinnbildet ein Hünengrab und paßt sich würdig der Landschaft an.

Wenn auch Gronau nicht mit Prunkgebäuden oder baulichen Sehenswürdigkeiten aufwarten kann, so zeichnet sich doch trotz dem im allgemeinen noch ländlichen Wesen der Stadt eine Reihe von Häusern durch gefällige und zweckmäßige Bauart aus, die sich aber dem Gesamtbilde stets unaufdringlich einfügt. Es seien hier wenigstens erwähnt das Katasteramt, die Kreismittelschule, das Krankenhaus, die Kreissparkasse, die Geschäftshäuser von W. Brunotte, Ph. Husmann, H. kruse, ferner Ralms (heute Siemons), Landhaus am Bantelner Wege, die teilweise recht hübschen Häuser an der Bahnhofstraße und das Gasthaus "Zur Bergmühle" auf dem Hohen Escher. Im innern sind die evangelische und katholische Kirche sehenswert.

So bietet Gronau im ganzen das Bild eines sauberen, freundlichen Landstädtchens. Die Straßen, die früher etwa 60 Zentimeter tiefer lagen, sind zum Schutze gegen Hochwasser höher gelegt und teilweise mit Entwässerungsanlagen versehen. Wie anders muß es hier noch am Anfang des vorigen Jahrhunderts ausgesehen haben! Klagt doch der bekannte Schriftsteller Heinrich Joachim Campe in einer Reisebeschreibung, er sei froh gewesen und habe Gott gedankt, als er über das halsbrecherische Pflaster des Städtchens Gronau hinweggewesen sei.

Infolge der zahlreichen Brände, die unsere Stadt mehrmals fast gänzlich zerstört haben, sind keine Gebäude hohen Alters, etwa aus der Zeit der Reformation, erhalten. Immerhin verdienen die ältesten vorhandenen Häuser und einige Inschriften Erwähnung. Ehe wir sie jedoch betrachten, müssen wir ganz kurz auf die drei seit der Gründung der Stadt Gronau ansässigen Adelsgeschlechter eingehen, weil dadurch das Verständnis des Folgenden erleichtert wird.

Wie bereits in der allgemeinen Geschichte erzählt ist, hatten sich die Familien von Dötzum, Bock von Wülfingen und Bock von Northolt, wahrscheinlich dem Rufe des Bischofs Siegfried folgend, gleich nach 1300 in Gronau angesiedelt, und zwar in der heutigen Junkernstraße. Das Geschlecht derer von Dötzum erlosch gegen Ende des 16. Jahrhunderts; sein letzter Vertreter im Mannesstamm, Johann von Dötzum, und dessen Ehefrau Auguste von Bovenden hatten im Jahre 1580 den größten Teil ihres Besitzes, nämlich ihre beiden Erbhöfe in Gronau, alle ihre vor Gronau liegenden Gärten und die Erbmühle zu Banteln ihrer Tochter Maria von Gittelde vermacht, der Gattin des Johann von Bennigsen in Banteln, der selbst schon im Süden Gronaus ein Wohnhaus mit großer Schäferei besaß. Auf diese Weise kam der Besitz der Familie von Dötzum in die Hände der Bennigsens und verblieb ihnen, bis der letzte Graf von Bennigsen im Jahre 1893 starb. Da fielen die einzelnen Vermögensteile verschiedenen Erben zu. Die Gronauer Güter erhielt Michael von Andrzenkowicz, ein polnischer Edelmann, dessen Mutter eine Schwester des letzten Bennigsen gewesen war.

Auch das zweite Gronauer Adelsgeschlecht, starb schon frühzeitig mit Christoph Dietrich Bock von Northolz aus. Der Besitz ging an den Braunschweiger Rat und Kanzler Dr. Arnold Engelbrechten über. In dem ihm 1632 vom Herzog Friedrich Ulrich erteilten Lehnsbriefe heißt es: ".....fort mit einem freien Sattelhofe (Sattelhöfe wurden ursprünglich solche Höfe genannt, auf denen der Besitzer nur Pferde zum Umsatteln unterhielt, später alle Höfe, auf denen er nicht ständig wohnte) zu Gronau mit fünf Hufen Landes im Ledderfelde belegen; mit fünf Rothhöfen und den Wiesen mit ihren Zubehörungen; noch mit einer Hufe Landes und mit einer Fischerei zu Lehde; mit dem hlaben Zehnten zu Sehlde." Die Nachkommen (1728 wurde die Familie Engelbrechten geadelt) des Kanzlers Engelbrechten haben noch heute das Wohnhaus des Bock von Northolz  und deren Ländereien in der Gronauer Feldmark in Besitz.

Der angesehenste und begütertste war das der Bock von Wülfingen. Seine Angehörigen, großenteils tüchtige, kriegerische Männer, spielten in der Geschichte unserer Heimat vielfach eine bedeutende Rolle. Sie besaßen zahlreiche Burgen und ausgedehntes Grundeigentum in unser Gegend vor allem in Wülfingen, Burgstemmen, Poppenburg, Gronau, Elze usw. In Gronau allein gehörten ihnen 2 Sattelhöfe mit Gerichtsbarkeit, 2 Burgmannssitze und 3 Schäfereien; etwa 100 Jahre lang hatten sie auch die Gronauer Burg und die Mühle als Pfand inne, ferner besaßen sie das Vogteirecht in Gronau. Ein großer Teil der Ländereien usw. ist heute noch im Besitze der Familie und an Gronauer Landwirte verpachtet. 

Die festen, großen Häuser der drei Adelsfamilien blieben von dem allgemeinen Los der Stadt nicht verschont; sie fielen sämtlich den Bränden von 1518 und 1522 zum Opfer, wurden aber immer wieder aufgebaut. Als jedoch das große Feuer von 1703 wiederum die Besitzungen der Familien von Bennigsen (ehemals von Dötzum) und Bock von Wülfingen zerstörte - das Northolzsche, kurz zuvor Engelbrechtens Eigentum gewordene Jaus war stehen geblieben -, verzichteten die Bennigsens auf einen Wiederaufbau. Der Brandplatz wurde in Gärten und das stehengebliebene Nebenhaus an der Junkernstraße in einen Schafstall verwandelt. Dieser ward an Zimmermeister L. Haase verpachtet und schließlich in ein Wohnhaus umgebaut, das 1907 mitsamt einem großen Garten der Müller Koopmann kaufte. Die Familie Bock von Wülfingen dagegen erbaute sich 2 neue Häuser an der Junkernstraße. Während das eine davon ihr noch heute gehört, aber von Mietern bewohnt wird, erwarb das zweite 1870 der Arzt Dr. Bornträger; später ging es in das Eigentum der Stadt über. In früherer Zeit besaßen die Bock von Wülfingen auch das sogenannte "Rote Haus" an der Südstraße, das vermutlich in der Hauptsache als Witwensitz gedient hat. Es war mehrfach verpfändet. Nach dem großen Brande von 1703 kaufte das Michaeliskloster dieses Haus für seinen vom Feuer vernichteten "Paterhof" an der Junkernstraße. So wurde das "Rote Haus" zum "Paterhof", doch ist das heutige Gebäude dieses Namens ein späterer Bau (aus dem Jahre 1760). 

Das älteste Haus der Stadt Gronau ist das im Vorstehenden genannte Engelbrechtensche Haus an der Junkernstraße, einst der Familie Bock von Northolz eigen. Wir lesen daran auf einer Steintafel: Anno 1590. Bartold Bock, Anna von Northolt. S.V.G.R.S.E.W. - Allerdings befindet sich in dem Keller des früher der Familie von Bennigsen gehörigen Hauses (jetzt Schneehagen) auf dem Schäferhof die Inschrift: "A. v. B. 1557 und A. v. D. 1557." Doch stammt der Oberbau aus ganz erheblich jüngerer Zeit; an ihm waren früher Bennigsensche Familienwappen angebracht, die nach Verkauf des Herrenhauses nach Banteln verschafft wurden.

Außer dem Engelbrechtenschen Hause ist, wenigstens nachweislich, kein Gebäude aus der Zeit vor dem großen Brande von 1703 erhalten. Es würde also an zweiter Stelle im Alter das noch heute der Familie Bock von Wülfingen gehörende Herrenhaus an der Junkernstraße kommen. Über dessen Haustür liest man die Worte:

"Da mich das Feuer fürhin so der Stadt Aufkommen bis auf den Grund verzehrt und gänzlich weggenommen zusamt der Stadt und Kirch hat wie ich steh

 Dier zu Gottes Gnaden hat mich wieder bauet hier Herr Levin Adolf Bock von Wülfingen. Fürstl. Bra. Lüneburg. Oberhofmeister, auch Fürstl. Stift Hildesheim.

 Schatzrat, auch Elisabeth Sophie con Campen. Anno 1706."

An dem Hause selbst findet sich noch ein älterer Stein mit dem Bockschen Familienwappen (ein Bock und Wölfe) und der Inschrift: "1613. Wulbrant Georg Bock v. Wülfingen-Bennigsen ." Auch an der Mauer, rechts vom Eingang in den Hof, ist ein älteres Wappen erhalten, dagegen stammt das Wappen an der Hauswand rechts vom Eingang aus jüngerer Zeit. In der Scheuen steht: "W. v. B. 1764."

Das Schüttesche Haus an der Hauptstraße trägt über der Tür die Namen; "Johann Heinrich Dörry, Dorothea Rhüder 1705."

An dem Hause des Uhrmachermeisters Goltermann an der Hauptstraße (früher Krumhoff) befindet sich eine zweiteilige Steintafel, darauf steht: "Paul Winkeler, Amtsschreiber zu Gronau und der Niederen Börde. Anna Catharina Sievers. Anno 1707. D, 12. Augusti."

Der noch heute so genannte Paterhof an der Südstraße weist über dem Hauseingange ein schönes Wappen auf mit einer lateinischen Inschrift, die übersetzt lautet: "Der Hochwürdigste und Erlauchtigste Herr Ludwig, Bischof von Anemurium (katholische Bischöfe, regelmäßig Weihbischöfe, die kein eigenes Bistum verwalten, führen ihren Bischofstitel nach einem verlorengegangenen ehemaligen kath. Bistum. Ein solches Bistum war auch Anemurium in Kleinsasien), Weihbischof von Hildesheim, Abt zu St. Michael, hat dieses neue Gebäude an einem neuen Platze von Grund auf erbauen lassen. Im Jahre 1780." Die neben dem Wohnhaus stehende Scheune, die zur Aufnahme des Zehnten diente, trägt die Jahreszahl 1764.

In welchem Jahre der heutige Ratskeller, Gronaus einstiges Rathaus, erbaut ist, läßt sich leider nicht genau feststellen. Rechts vom Eingang ist eine Steintafel in die Mauer eingelassen mit folgenden Namen: "B. Hans Schrader. Fam. Johann Conrad Elvers. Johann Friedrich Tidow, R. H. Hans Jürgen Helms, Henning Bartels." Das sind ganz offenbar der Bürgermeister, die beiden Kämmerer und die beiden Ratsherren des Jahres, in dem das Gebäue errichtet wurde. Da die Namen in unserem Verzeichnis der Ratsmitglieder nicht vorkommen, muß der Bau wahrscheinlich vor dem Jahre 1782 erfolgt sein. Übrigens ist im Hause selbst über einer Zimmertür im Vorraum noch die Inschrift erhalten: "1569 F. B. Diederik Grave", die aber ebenfalls keinen Aufschluß gibt. Natürlich sind in Gronau aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch mehr Geböude vorhanden, aber es fehlt die genaue Jahresangabe, auch zeichnen sie sich nicht durch irgendwelche Besonderheiten oder geschichtliche Erinnerungen aus, so daß es sich erübrigt, weiter darauf einzugehen.

Erwähnung hingegen verdient der alte Turm, der wahrscheinlich der einzige Überrest der ehemaligen bischöflichen Burg ist und vermutlich ein Stück der alten Burgumwehrung war.

Die Gronauer Stadtfarben sind grün und rot. Ein hohes Alter hat das Stadtwappen, das aber bis zu seiner gegenwärtigen Gestalt verschiedene Wandlungen durchmachen mußte. Auf dem ältesten aus dem Jahre 1434 sind die Mutter Maria mit dem Kinde und Petrus mit dem Schlüssel dargestellt, beide stehend. Eine Urkunde des Jahres  1670 enthält ein Siegel, das allerdings im Staatsarchiv Hannover nur einmal vorgefunden wurde; darauf ist nur der Rumpf der Jungfrau mit dem Kinde zu sehen, darunter befindet sich ein Wappenschild mit einer Schrägleiste von oben rechts nach unten links. Wenn auch das Siegel einer späteren Urkunde (1730) Maria mit dem Kinde sitzend aufzeigt ohne die Schrägleiste, so ist doch wohl sicher, daß aus der Leiste des Jahres 1670 die Leiter unseres heutigen Stadtwappens hervorgegangen ist, wobei sich die Schrägrichtung geändert hat. Man sagt, die Leiter solle an Flucht der Gronauer Bürger aus ihrer Stadt während der Stiftsfehde (1522) erinnern, doch scheint das wenig glaubhaft, da eine solche unrühmliche und für die Stadt höchst verhängnisvolle Tat verdiente, im Wappen für alle Zeiten festgehalten zu werden. Wir nehmen liebe an, daß man die Leiter - die merkwürdigerweise auch im Wappen der Stadt Gronau in Westfalen vorkommt - als Ziechen des Willens zum wirtschaftlichen Aufstieg gewählt hat. Jedenfalls ist Gronau im Rahmen seiner Möglichkeiten Solchem Sinnbild gerecht geworden.

Ein Gang durch Gronau

 

Das äußere Bild

Die heutige äußere Anlage der Stadt, wenn auch in gewissen Grundzügen sehr alt, beruht auf dem Bebauungsplan, den die Fürstbischöfliche Regierung zu Hildesheim, veranlaßt durch die früheren großen Brände, im Jahre 1759 aufstellte. Danach ist die Stadt in ihrer jetzigen Gestalt aufgebaut worden.

Der Häuserblock zwischen der Haupt- und Blankestraße, im Westen mit deren Vereinigung beginnend, und im Osten mit der Straße "Am Markt" abgeschlossen, gibt die äußere Form der ganzen Altstadt wieder, und wird "Das Schild" genannt. Es führen 2 Quergänge und ein alter "Wächterstieg" hindurch. Zwei große Längsblöcke von Häusern, der eine von Haupt- und Südstraße, der andere von Blanke- und Nordstraße begrenzt und beide von je 3 Querstraßen durchschnitten, lehnen sich an die beiden Langseiten des Schildes, während ihm Rathaus und Kirche mit einer kleineren Gebäudegruppe vorgelagert sind. Dieser regelmäßige Stadtkern erfährt dann nach den verschiedenen Richtungen eine mehr oder weniger starke Ausweitung.

Besonders eigenartig ist Gronaus Lage infolge der Drittellung der Leine: der Fluß gabelt sich zunächst etwa 1 Kilometer südlich der Stadt; der westliche Arm fließt in leichter Biegung, Gronau am äußersten Westzipfel streifend, seinen Weg weiter, der östliche Arm aber biegt scharf ab, teilt sich oberhalb der früheren städtischen Mühle, der jetzigen Papierfabrik, abermals, und seine beiden Arme umfließen nun, der eine rechts, der andere links, den größten Teil des Ortes, um sich schließlich mit dem westlichen Hauptarm wieder zu vereinigen. Die Stelle, wo sie sich vereinigen, heißt der Kreuzkolk. Aus diesem Flußlauf ergibt sich selbst die Notwendigkeit dreier Brücken, zweier im Westen (Leintor), einer im Osten (Steintor) der Stadt. In früherer Zeit waren natürlich die beiden Hauptbrücken, die ja den Eingang nach Gronau bewachten, durch Torwachen gesichert; Leintor und Steintor wurden abends geschlossen und morgens geöffnet; und die Stadtbewohner konnten in Frieden schlafen. Ältere Einwohner werden sich noch an das Wächterhäuschen vor dem Steintor erinnern; es hat bis zum Jahre 1870 gestanden.

Die Mittelpunkte jeder alten deutschen Stadt waren Kirche, Rathaus und Marktplatz, die deshalb auch meistens nahe beieinander lagen. Von der Gronauer Matthäikirche ist bereits ausführlich die Rede gewesen, aber auch Rathaus und Marktplatz wurden schon wiederholt gestreift. Das Rathaus (das heutige Verwaltungsgebäude II), 1831 als Schule gebaut, dient erst seit 1896 seiner jetzigen Bestimmung. Bis dahin befanden sich die städtischen Verwaltungsräume in dem heutigen Ratskellergebäude, an einem Platze also, an dem vermutlich schon das im Jahre 1435 errichtete Gronauer Rathaus gestanden hatte.

Ob der Marktplatz schon immer ein so genaues Rechteck gewesen ist wie heute, wird sich wohl nicht mehr feststellen lassen. Jedenfalls aber haben sich auf ihm die entscheidenden Vorgänge des Stadtlebens in ganz anderem Maße abgespielt als heute. Volksversammlungen fanden dort statt, Beschlüsse wurden dort gefaßt, und bis ins 19. Jahrhundert hinein hielt sich der Brauch, daß auf dem Marktplatz den Gronauer Bürgern alljährlich das Ergebnis der Ratsneuwahl verkündet wurde. Außerdem aber war der Marktplatz der Hauptort des Vieh- und später des Warenverkaufs. Hier hielten die Handwerker, und besonders die Fleischer und Bäcker, die Schuhmacher und Töpfer, ihre Erzeugnisse feil, hier stellten sich an den Markttagen die Händler und Kaufleute oft von weither ein und boten den Einwohnern Gelegenheit, ihren Bedarf an Waren zu decken, die in der Heimat nicht hergestellt wurden. Seit altersher gab es in Gronau 4 Märkte; der Frühjahrs- und Herbstmarkt waren die größten, aber sie haben sich alle bis zu unseren Tagen gehalten, wenn auch in sehr verschiedenem Ausmaß. Allerdings, die Handwerker, die noch vor einem halben Jahrhundert auf den Märkten erschienen, sind heute verschwunden, aus dem wirtschaftswichtigen krammarkt ist eine reine Volksbelustigung mit Drehschaukeln, Schießbuden, Glücksrädern und sonstigen Tingeltangel geworden. Aber die Kämmereikasse hat immerhin noch einige Einnahmen aus der Platzgebühr.

Die Straßennahmen sind größtenteils nach der Lage oder irgendeiner Eigenart der Straßen gewählt und daher leicht verständlich. Die Blankestraße zeichnete sich wohl, da sie weniger benutzt wurde, durch besondere Sauberkeit aus. Dir Burgstraße führte nach der bischöflichen Burg. Die Rittergüter der Adelsgschlechter, der Junker, lagen an der danach benannten Junkernstraße. Noch vor 30 Jahren las man auf dem Namensschilde der heutigen Mönchstraße die Bezeichnung "Mönnekenstraße". Sie bildete den Zugang vom Marktplatz zu dem an der Ecke der Junkernstraße (dem Engelbrechtschem Besitze gegenüber) geelgenen "Paterhofe" des Hildesheimer Michaelisklosters, der ständig von Ordensbrüdern bewohnt war, woraus sich der Name "Mönneken- = Mönchstraße" erklärt. Die Kießau sollte eigentlich "Kiesau" geschrieben werden; denn sie heißt offenbar so, weil sich dort vor der Bebauung der Kies abgelagert haben wird, den die Leine bei Hochwasser auswarf; aber die lebendige Sprache zog das leichter zu sprechende "Kießau" vor, und die Schreibung folge ihr. Lehderberg und Empedastraße halten die Erinnerung an die untergegangenen Dörfer Lehde und Empeda aufrecht. "Am Hopfenberg" hat die Stadt für ihre Brauerei den Hopfen gebaut. Die Georgstraße führt nach dem St. Georgs-Stift.

In diesem Zusammenhang seien auch einige der vielen, ungemein bezeichneten Flurnamen der Gronauer Feldmark erwähnt: Steinpaul, Tweftje, Osterbrink, Harkenschloh, Lindenkamp, Saure Maate, Schleppweg, Jeyberg, Friesenkamp, Peterberg, Am Uthberge, Hartenwinkel. Lehder Feld, Bekumer Feld, Riesfeld, Im alten Dorfe, Landwehr, Lange Wiese, Hoher Escher, Rockberg, Arschkerbe, Auf der kleinen Worth, Ölje-Platz, Eiland, Wildfang, Seidenkamp, Schusterkamp, Kanian. Diese Namen, die sich größtenteils von selbst erklären, sind ein Beweis für das bildhafte Denken des Volkes, für seine sprachschöpferische Kraft und für die Treue, mit der solche Bezeichnungen Not und Tod zum Trotz, im Bewußtsein des Volkes fortzuleben vermögen. 

Außer dem hübschen Markt besitzt Gronau noch einen zweiten geräumigen Platz, den am Leintor, neben der Straße zwischen den beiden Brücken gelegenen Spiel- und Turnplatz. Er wurde als solcher 1928 der Stadt 1928 auf dem früheren Schützenplatze errichtet und erfüllt in seiner gediegenen Anlage den Zweck, der Jugend die Gelegenheit zur Körperschulung und zu heißem Wettstreit der Kräfte zu geben, aufs trefflichste. Der an sich schon gut gelegene Platz gewinnt noch besonders durch die Umrahmung von hohen Pappeln.

Nicht weit davon beginnt der wundervolle Bantelner Weg mit seinen 1000jährigen Eichen, von denen eine über der Erde einen Stammumfang von 7 Metern hat. Von diesem Wege aus, der auf leichter Erhöhung sich neben der Leine von Gronau bis Banteln hinzieht, hat der Wanderer einen freien Blick ins Leinetal, auf die Siebenberge und etliche schmucke Dörfer. Und immer wieder wird sein Auge von dem silbernen Band des Flusses mit dem rauschenden Wasserwehr angezogen. Aber nicht nur das Landschaftsbild fesselt den Naturfreund, es liegt am Wege auch der Bantelner Friedhof mit einer alten Kapelle; das ist das ehemalige Gotteshaus des untergegangenen Dorfes Feldbergen. Der Hohlweg am Friedhof führt den Namen "Tillyschlucht". Durch ihn gingen einst die Bewohner der benachbarten Dörfer hinab zur Bantelner Mühle. In dieser Schlucht soll der große Gegner des Schwedenkönigs Gustav Adolf gelagert haben, - wahrhaftig, die Schauer der Natur und Geschichte umwehen auf dem ganzen Wege den Wanderer  und ziehen ihn in einen seltsam mächtigen Bann.

Am entgegengesetzten Ende der Stadt, auf dem Hohen Escher, haben wir einen Anziehungspunkt ganz anderer Art. Hier ließ die Stadtverwaltung im Jahre 1911 einen kleinen, aber lieblichen Park anlegen, der sich unter steter Pflege und Hut zu einem köstlichen Schmuckstück entwickelt hat. Auch einen Tummelplatz mit Spielgeräten für die Kinder und eine Rodelbahn gibt es da. Zahlreiche Bänke laden zur Rast und Ausschau auf Gronau und das von Bergzügen rings umkränzte Leinetal. Kein Wunder, daß der Stadtpark ein gern aufgesuchtes Ziel der Spaziergänger bildet. Sehr reizvoll ist auch die schmale Weganlage neben der Bahnstrecke nach Elze, zur Zeit der Obstblüte ein Erdenfleck, der den meisten der vielen um ihrer Baumblüte Willen gerühmten Ausflugsorte kaum nachsteht.

Drei Denkmäler und einen Gedenkstein hat Gronau aufzuweisen. Das älteste Denkmal, 1872 errichtet, steht auf dem Marktplatze als Siegeszeichen für den Krieg von 1870/71 gegen Frankreich. Es ist ein sich nach oben verjüngender Vierkantstein; er trägt die Worte: "Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre." An dem vierkantigen Grundblock sind die Namen der beiden an jenem Feldzuge gefallenen Gronauer eingemeißelt. Lange Jahre wurden die Schulfeiern am Gedenktage (2. Sept.) vor diesem Denkmal abgehalten.

Als das deutsche Volk im Jahre 1913 die Jahrhundertfeier seiner Befreiung vom Joche Napoleons beging, regte sich auch in Gronau der Wunsch nach einem Mal der Erinnerung an die große Zeit. Besonders der Krieger- und der Verschönerungsverein setzten sich für den Gedanken ein. Der Kreis stiftete eine angesehene Summe, Sammlungen wurden abgehalten, der Fürst von Stolberg-Werningerode schenkte einen Felsblock aus der steinernen Renne im Harz, als Platz wurde eine Stelle vor dem Leintor zwischen den beiden Brücken bestimmt, und am 8. Oktober 1913, dem Jahrestage der Völkerschlacht bei Leipzig, konnte in erhebender Feier das Denkmal enthüllt werden: auf dem Felsblock breitet ein Adler seine Schwingen, und die Inschrift darunter, dem Sportplatz der Jugend zugekehrt, mahnt: "Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an!"

Hunderteinunddreißig Söhne der Stadt Gronau haben ihr Leben im Weltkriege für Volk und Heimat lassen müssen. Diesen Toten zum Gedächtnis ist auf dem Hohen Escher im Stadtpark ein Ehrenmal errichtet, ihre Namen sind an den 12 Säulen, die den Altarstein der Mitte umgeben, aufgezeichnet, und der Geist ihrer Träger ruft uns zu: "Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!"

Das schlicht-schöne Denkmal, wohl geeignet, die Lebenden zu stiller Zwiesprache mit den Gefallenen verweilen zu lassen, mit Bäumen und Sträuchern umpflanzt, ist ein Werk des Architekten Rüsthardt aus Hildesheim. Es entstand im Jahre 1923; bei der ergreifenden Einweihungsfeier am 23. Sept. 1923 hielt Lehrer Schramme die Weiherede.

In die Grundsteine der beiden letztgenannten Denkmäler sind Urkunden über die allgemeinen und örtlichen Verhältnisse zur Zeit der Errichtung eingelegt worden. 1913 und 1923, nur 10 Jahre liegen dazwischen, aber welch ungeheure Erschütterung umschließen sie, welchen Wandel!

Dem ersten deutschen Reichspräsidenten, Friedrich Ebert, weihte am 5. Juli 1931 das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold am Bantelner Wege einen Gedenkstein; ein grauer, unbehauener Felsblock, an dem einen Ende auf einem, an dem anderen Ende auf zwei kleineren Steinen ruhend, trägt er das Kopfbild des ersten Reichspräsidenten, von dem Bildhauer Heinz Rüsthardt aus Hamburg gestaltet. Der Stein versinnbildet ein Hünengrab und paßt sich würdig der Landschaft an.

Wenn auch Gronau nicht mit Prunkgebäuden oder baulichen Sehenswürdigkeiten aufwarten kann, so zeichnet sich doch trotz dem im allgemeinen noch ländlichen Wesen der Stadt eine Reihe von Häusern durch gefällige und zweckmäßige Bauart aus, die sich aber dem Gesamtbilde stets unaufdringlich einfügt. Es seien hier wenigstens erwähnt das Katasteramt, die Kreismittelschule, das Krankenhaus, die Kreissparkasse, die Geschäftshäuser von W. Brunotte, Ph. Husmann, H. kruse, ferner Ralms (heute Siemons), Landhaus am Bantelner Wege, die teilweise recht hübschen Häuser an der Bahnhofstraße und das Gasthaus "Zur Bergmühle" auf dem Hohen Escher. Im innern sind die evangelische und katholische Kirche sehenswert.

So bietet Gronau im ganzen das Bild eines sauberen, freundlichen Landstädtchens. Die Straßen, die früher etwa 60 Zentimeter tiefer lagen, sind zum Schutze gegen Hochwasser höher gelegt und teilweise mit Entwässerungsanlagen versehen. Wie anders muß es hier noch am Anfang des vorigen Jahrhunderts ausgesehen haben! Klagt doch der bekannte Schriftsteller Heinrich Joachim Campe in einer Reisebeschreibung, er sei froh gewesen und habe Gott gedankt, als er über das halsbrecherische Pflaster des Städtchens Gronau hinweggewesen sei.

Infolge der zahlreichen Brände, die unsere Stadt mehrmals fast gänzlich zerstört haben, sind keine Gebäude hohen Alters, etwa aus der Zeit der Reformation, erhalten. Immerhin verdienen die ältesten vorhandenen Häuser und einige Inschriften Erwähnung. Ehe wir sie jedoch betrachten, müssen wir ganz kurz auf die drei seit der Gründung der Stadt Gronau ansässigen Adelsgeschlechter eingehen, weil dadurch das Verständnis des Folgenden erleichtert wird.

Wie bereits in der allgemeinen Geschichte erzählt ist, hatten sich die Familien von Dötzum, Bock von Wülfingen und Bock von Northolt, wahrscheinlich dem Rufe des Bischofs Siegfried folgend, gleich nach 1300 in Gronau angesiedelt, und zwar in der heutigen Junkernstraße. Das Geschlecht derer von Dötzum erlosch gegen Ende des 16. Jahrhunderts; sein letzter Vertreter im Mannesstamm, Johann von Dötzum, und dessen Ehefrau Auguste von Bovenden hatten im Jahre 1580 den größten Teil ihres Besitzes, nämlich ihre beiden Erbhöfe in Gronau, alle ihre vor Gronau liegenden Gärten und die Erbmühle zu Banteln ihrer Tochter Maria von Gittelde vermacht, der Gattin des Johann von Bennigsen in Banteln, der selbst schon im Süden Gronaus ein Wohnhaus mit großer Schäferei besaß. Auf diese Weise kam der Besitz der Familie von Dötzum in die Hände der Bennigsens und verblieb ihnen, bis der letzte Graf von Bennigsen im Jahre 1893 starb. Da fielen die einzelnen Vermögensteile verschiedenen Erben zu. Die Gronauer Güter erhielt Michael von Andrzenkowicz, ein polnischer Edelmann, dessen Mutter eine Schwester des letzten Bennigsen gewesen war.

Auch das zweite Gronauer Adelsgeschlecht, starb schon frühzeitig mit Christoph Dietrich Bock von Northolz aus. Der Besitz ging an den Braunschweiger Rat und Kanzler Dr. Arnold Engelbrechten über. In dem ihm 1632 vom Herzog Friedrich Ulrich erteilten Lehnsbriefe heißt es: ".....fort mit einem freien Sattelhofe (Sattelhöfe wurden ursprünglich solche Höfe genannt, auf denen der Besitzer nur Pferde zum Umsatteln unterhielt, später alle Höfe, auf denen er nicht ständig wohnte) zu Gronau mit fünf Hufen Landes im Ledderfelde belegen; mit fünf Rothhöfen und den Wiesen mit ihren Zubehörungen; noch mit einer Hufe Landes und mit einer Fischerei zu Lehde; mit dem hlaben Zehnten zu Sehlde." Die Nachkommen (1728 wurde die Familie Engelbrechten geadelt) des Kanzlers Engelbrechten haben noch heute das Wohnhaus des Bock von Northolz  und deren Ländereien in der Gronauer Feldmark in Besitz.

Der angesehenste und begütertste war das der Bock von Wülfingen. Seine Angehörigen, großenteils tüchtige, kriegerische Männer, spielten in der Geschichte unserer Heimat vielfach eine bedeutende Rolle. Sie besaßen zahlreiche Burgen und ausgedehntes Grundeigentum in unser Gegend vor allem in Wülfingen, Burgstemmen, Poppenburg, Gronau, Elze usw. In Gronau allein gehörten ihnen 2 Sattelhöfe mit Gerichtsbarkeit, 2 Burgmannssitze und 3 Schäfereien; etwa 100 Jahre lang hatten sie auch die Gronauer Burg und die Mühle als Pfand inne, ferner besaßen sie das Vogteirecht in Gronau. Ein großer Teil der Ländereien usw. ist heute noch im Besitze der Familie und an Gronauer Landwirte verpachtet. 

Die festen, großen Häuser der drei Adelsfamilien blieben von dem allgemeinen Los der Stadt nicht verschont; sie fielen sämtlich den Bränden von 1518 und 1522 zum Opfer, wurden aber immer wieder aufgebaut. Als jedoch das große Feuer von 1703 wiederum die Besitzungen der Familien von Bennigsen (ehemals von Dötzum) und Bock von Wülfingen zerstörte - das Northolzsche, kurz zuvor Engelbrechtens Eigentum gewordene Jaus war stehen geblieben -, verzichteten die Bennigsens auf einen Wiederaufbau. Der Brandplatz wurde in Gärten und das stehengebliebene Nebenhaus an der Junkernstraße in einen Schafstall verwandelt. Dieser ward an Zimmermeister L. Haase verpachtet und schließlich in ein Wohnhaus umgebaut, das 1907 mitsamt einem großen Garten der Müller Koopmann kaufte. Die Familie Bock von Wülfingen dagegen erbaute sich 2 neue Häuser an der Junkernstraße. Während das eine davon ihr noch heute gehört, aber von Mietern bewohnt wird, erwarb das zweite 1870 der Arzt Dr. Bornträger; später ging es in das Eigentum der Stadt über. In früherer Zeit besaßen die Bock von Wülfingen auch das sogenannte "Rote Haus" an der Südstraße, das vermutlich in der Hauptsache als Witwensitz gedient hat. Es war mehrfach verpfändet. Nach dem großen Brande von 1703 kaufte das Michaeliskloster dieses Haus für seinen vom Feuer vernichteten "Paterhof" an der Junkernstraße. So wurde das "Rote Haus" zum "Paterhof", doch ist das heutige Gebäude dieses Namens ein späterer Bau (aus dem Jahre 1760). 

Das älteste Haus der Stadt Gronau ist das im Vorstehenden genannte Engelbrechtensche Haus an der Junkernstraße, einst der Familie Bock von Northolz eigen. Wir lesen daran auf einer Steintafel: Anno 1590. Bartold Bock, Anna von Northolt. S.V.G.R.S.E.W. - Allerdings befindet sich in dem Keller des früher der Familie von Bennigsen gehörigen Hauses (jetzt Schneehagen) auf dem Schäferhof die Inschrift: "A. v. B. 1557 und A. v. D. 1557." Doch stammt der Oberbau aus ganz erheblich jüngerer Zeit; an ihm waren früher Bennigsensche Familienwappen angebracht, die nach Verkauf des Herrenhauses nach Banteln verschafft wurden.

Außer dem Engelbrechtenschen Hause ist, wenigstens nachweislich, kein Gebäude aus der Zeit vor dem großen Brande von 1703 erhalten. Es würde also an zweiter Stelle im Alter das noch heute der Familie Bock von Wülfingen gehörende Herrenhaus an der Junkernstraße kommen. Über dessen Haustür liest man die Worte:

"Da mich das Feuer fürhin so der Stadt Aufkommen bis auf den Grund verzehrt und gänzlich weggenommen zusamt der Stadt und Kirch hat wie ich steh

 Dier zu Gottes Gnaden hat mich wieder bauet hier Herr Levin Adolf Bock von Wülfingen. Fürstl. Bra. Lüneburg. Oberhofmeister, auch Fürstl. Stift Hildesheim.

 Schatzrat, auch Elisabeth Sophie con Campen. Anno 1706."

An dem Hause selbst findet sich noch ein älterer Stein mit dem Bockschen Familienwappen (ein Bock und Wölfe) und der Inschrift: "1613. Wulbrant Georg Bock v. Wülfingen-Bennigsen ." Auch an der Mauer, rechts vom Eingang in den Hof, ist ein älteres Wappen erhalten, dagegen stammt das Wappen an der Hauswand rechts vom Eingang aus jüngerer Zeit. In der Scheuen steht: "W. v. B. 1764."

Das Schüttesche Haus an der Hauptstraße trägt über der Tür die Namen; "Johann Heinrich Dörry, Dorothea Rhüder 1705."

An dem Hause des Uhrmachermeisters Goltermann an der Hauptstraße (früher Krumhoff) befindet sich eine zweiteilige Steintafel, darauf steht: "Paul Winkeler, Amtsschreiber zu Gronau und der Niederen Börde. Anna Catharina Sievers. Anno 1707. D, 12. Augusti."

Der noch heute so genannte Paterhof an der Südstraße weist über dem Hauseingange ein schönes Wappen auf mit einer lateinischen Inschrift, die übersetzt lautet: "Der Hochwürdigste und Erlauchtigste Herr Ludwig, Bischof von Anemurium (katholische Bischöfe, regelmäßig Weihbischöfe, die kein eigenes Bistum verwalten, führen ihren Bischofstitel nach einem verlorengegangenen ehemaligen kath. Bistum. Ein solches Bistum war auch Anemurium in Kleinsasien), Weihbischof von Hildesheim, Abt zu St. Michael, hat dieses neue Gebäude an einem neuen Platze von Grund auf erbauen lassen. Im Jahre 1780." Die neben dem Wohnhaus stehende Scheune, die zur Aufnahme des Zehnten diente, trägt die Jahreszahl 1764.

In welchem Jahre der heutige Ratskeller, Gronaus einstiges Rathaus, erbaut ist, läßt sich leider nicht genau feststellen. Rechts vom Eingang ist eine Steintafel in die Mauer eingelassen mit folgenden Namen: "B. Hans Schrader. Fam. Johann Conrad Elvers. Johann Friedrich Tidow, R. H. Hans Jürgen Helms, Henning Bartels." Das sind ganz offenbar der Bürgermeister, die beiden Kämmerer und die beiden Ratsherren des Jahres, in dem das Gebäue errichtet wurde. Da die Namen in unserem Verzeichnis der Ratsmitglieder nicht vorkommen, muß der Bau wahrscheinlich vor dem Jahre 1782 erfolgt sein. Übrigens ist im Hause selbst über einer Zimmertür im Vorraum noch die Inschrift erhalten: "1569 F. B. Diederik Grave", die aber ebenfalls keinen Aufschluß gibt. Natürlich sind in Gronau aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch mehr Geböude vorhanden, aber es fehlt die genaue Jahresangabe, auch zeichnen sie sich nicht durch irgendwelche Besonderheiten oder geschichtliche Erinnerungen aus, so daß es sich erübrigt, weiter darauf einzugehen.

Erwähnung hingegen verdient der alte Turm, der wahrscheinlich der einzige Überrest der ehemaligen bischöflichen Burg ist und vermutlich ein Stück der alten Burgumwehrung war.

Die Gronauer Stadtfarben sind grün und rot. Ein hohes Alter hat das Stadtwappen, das aber bis zu seiner gegenwärtigen Gestalt verschiedene Wandlungen durchmachen mußte. Auf dem ältesten aus dem Jahre 1434 sind die Mutter Maria mit dem Kinde und Petrus mit dem Schlüssel dargestellt, beide stehend. Eine Urkunde des Jahres  1670 enthält ein Siegel, das allerdings im Staatsarchiv Hannover nur einmal vorgefunden wurde; darauf ist nur der Rumpf der Jungfrau mit dem Kinde zu sehen, darunter befindet sich ein Wappenschild mit einer Schrägleiste von oben rechts nach unten links. Wenn auch das Siegel einer späteren Urkunde (1730) Maria mit dem Kinde sitzend aufzeigt ohne die Schrägleiste, so ist doch wohl sicher, daß aus der Leiste des Jahres 1670 die Leiter unseres heutigen Stadtwappens hervorgegangen ist, wobei sich die Schrägrichtung geändert hat. Man sagt, die Leiter solle an Flucht der Gronauer Bürger aus ihrer Stadt während der Stiftsfehde (1522) erinnern, doch scheint das wenig glaubhaft, da eine solche unrühmliche und für die Stadt höchst verhängnisvolle Tat verdiente, im Wappen für alle Zeiten festgehalten zu werden. Wir nehmen liebe an, daß man die Leiter - die merkwürdigerweise auch im Wappen der Stadt Gronau in Westfalen vorkommt - als Ziechen des Willens zum wirtschaftlichen Aufstieg gewählt hat. Jedenfalls ist Gronau im Rahmen seiner Möglichkeiten Solchem Sinnbild gerecht geworden.

Die Bewohner

Niedersachsen von echtem Schrot und Korn sind die Einwohner unser Stadt Gronau allezeit gewesen. Das beweist die zähe Beharrlichkeit, mit der sie allen Widrigkeiten zum Trotz ihr Heimat immer verteidigt, ihre Häuser nach all den vielen Bränden stets wieder aufgebaut und unerschüttert an Herd und Scholle festgehalten haben. Denn Treue zur Heimat und beständiger Sinn, Mut und ruhiges Vorwärtsstreben sind die hervorragendsten Merkmale des Niedersachsen. Hierzu gehört auch ein liebevolles Festhalten alter Sitten und Gebräuche, deren ein aufmerksamer Beobachter noch viele in den Mauern unserer Stadt zu finden vermöchte, und wenn es auch nicht möglich ist, sie im einzelnen an dieser Stelle aufzuzählen und zu erläutern, so wird man doch wünschen, daß sie sich noch lange erhalten, verbirgt sich doch hinter ihnen ein wertvolles Stück Vergangenheit.

Eine auf offenbar ziemlich ferne Überlieferung zurückgehende Sage ist der Bericht über das Zustandekommen der Abgrenzung der Gronauer Feldmark nach Elze zu. Es muß ja auffällig erscheinen, daß sich die Feldmark Gronaus bis dicht vor Elze erstreckt. Hierüber weiß man folgendes zu erzählen: 

Immer wieder hatte es vor langen Jahrhunderten zwischen den Bewohnern der Orte Elze und Gronau Streit gegeben, wo die Grenze der beiderseitigen Feldmarken laufe. Schließlich kam an überein, es sollten an einem Morgen zu bestimmter Zeit die Schäfer aus beiden Orten ihre Herden einander entgegentreiben, und wo man sich treffe, da solle die Grenze sein. So geschah es. Nun war aber der Morgen der Entscheidung schön und voll strahlenden Lichts, so daß die Schafe, die der Gronauer Schäfer gen Elze trieb, mit der Sonne im Rücken, fröhlich vorwärts zogen und rasch vom Fleck kamen. Die Schafe der Elzer hingegen, die ja nach Südosten zu ziehen hatten, wurden von der Sonne geblendet und wollten immer wieder kehrt machen. Nur mit Mühe und Not konnte ihr Schäfer sie ein kleines Stück auf Gronau zu weiterbringen, denn bekanntlich gehen die Schafe ungern der Sonne entgegen. So hatten, als die beiden Herden sich begegneten, die Elzer Tiere sich nur um ein Geringes von ihrem Ort entfernt, während die Gronauer bis nahe an Elze herangekommen waren. Und daher hat der eigenartige Feldmarksverlauf seinen Ursprung, bis auf den heutigen Tag.

Alle 7 Jahre wurde früher in Gronau ein Schützenfest gefeiert, veranstaltet von der Schützengilde, aber unter Teilnahme der gesamten Einwohnerschaft. Eifrig übten sich die Schützenbrüder im Schießen, besonders beim Nahen des Festes, dessen Höhepunkt ja das Ausschießen des Schützenkönigs bildete. Man schoß nach einer feststehenden Vogelscheibe (Adler), einer beweglichen Hirschscheibe und einer Ringscheibe. Die drei erfolgreichsten Schützen wurden als die "Besten Männer" besonders geehrt. Schützenkönig aber war der, welcher den besten Schuß auf den Hirsch getan hatte, und als Siegeszeichen erhielt er die Hirschscheibe. Heute noch kann man an einigen Häusern und Hintergebäuden diese Scheiben aufbewahrt finden. Das Schützenfest selbst wurde als ein richtiges Volksfest umfangreich gefeiert; es dauerte 4 Tage, und zwar 2 aufeinanderfolgende Sonn- und Montage. Festplatz war der heutige Spiel- und Sportplatz. Bedauerlicherweise haben die zahlreichen Festlichkeiten der vielen neueren Vereine dies alte Volksfest mehr und mehr verdrängt. Wenn die Vereine sich auch bemühen, ihren Veranstaltungen ein möglichst volkstümliches Aussehen zu geben, so wird dadurch doch das alte Schützenfest nicht ersetzt.

Die Musik zu diesem Feste stellte nach altem Herkommen der Stadtmusikant mit seiner Kapelle. Dieser hatte übrigens außer den städtischen Aufgaben auch die Verpflichtung, in den Tagen vor Weihnachten in den Reihehäusern aufzuspielen.

Wie schon oben angedeutet, steht das Vereinswesen in Gronau hoch in Blüte. Man darf in dieser Vorliebe für einen zu bestimmten Zwecken oder aus Geselligkeitsgründen erfolgten Zusammenschluß wohl eine Eigenart des deutschen, nicht zuletzt des niedersächsischen Menschen erkennen. Der älteste Verein ist der Schützenverein; er wird den Stamm und auch den Rest der Bürgerschutzwehr umfaßt haben und geht vermutlich auf die ältere Schützengilde zurück. Nach längerer Ruhepause wurde er am 2. Juli 1904 wieder ins Leben gerufen, und wenn überhaupt, dürfte es ihm allein gelingen, das einstige Schützenfest als Volksfest wieder aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Das letzte volkstümliche Schützenfest wurde am 26. Juni 1904 gefeiert. Die ltzten Schaffer (Ffestleiter) waren W. Gesemann, H. Husmann, R. Möhle und A. Bespermann.

Der Männerturnverein, 1861 gegründet, kann wohl als der größte örtliche Verein angesehen werden. Mit ihm wetteifert die Freie Turnerschaft von 1900. Beiden Vereinen steht die städtische Schulturnhalle und der Spiel- und Sportplatz zwischen den Brücken vor dem Leintor zur Verfügung. Der dahinterliegenden jetzige Schützenplatz wird auch als allgemeiner Spielplatz benutzt.

Ferner gibt es in Gronau einen Volkstanzkreis, der sich die Pflege alter, wertvoller Volkstänze zur Aufgabe gemacht hat. Auch die Radfahrer und Motorradfahrer sind zu Vereinen zusammengeschlossen.

Von jeher fand der Gesang in unserer Stadt eine Heimstätte; zur Zeit wird er in vier Vereinen gepflegt, von denen der Männergesangverein der älteste und stärkste ist. Früher bestand hier auch ein eigener Kirchenchor. Seit seinem Eingehen wirken der Männergesangverein und auch der Frauenchor gelegentlich bei der Ausgestaltung des Gottesdienstes mit.

Die heutige Kriegerkameradschaft ist aus dem ehemaligen Kriegerklub und aus dem Kriegerverein hervorgegangen, die sich im Jahre 1923 zusammenschlossen. Die Teilnehmer am Weltkriege gehören, sofern sie überhaupt Verbänden beigetreten sind, entweder der Kriegerkameradschaft oder oder den beiden politisch gegensätzlichen Frontsoldatenbünden, dem "Stahlhelm" oder dem "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" an.

Alle Vereine in unserer Stadt aufzuzählen soll hier nicht versucht werden. Außer den genannten bestehen ja noch zahlreich andere, Vereine zur Jugendpflege und zur Geselligkeit, politische und wirtschaftliche Zweckvereine (z. B. Verein für Handel und Gewerbe, Haus- und Grundbesitzverein, Verkehrs- und Verschönerungsverein, Rabattsparverein usw.), so daß auch dadurch ein buntes, eigenartiges und vielverzweigtes Leben erwächst.

Wir stehen am Ende unseres Ganges durch Vergangenheit und Gegenwart der Stadt Gronau. Und nicht besser können wir ihn beschließen, als das wir des Mannes gedenken, den sie mit Recht als ihren größten Sohn feiert und der ihr selbst stets ein ungewöhnliches Maß von Zuneigung und Anhänglichkeit entgegengebracht hat: Dr. Georg Sauerwein.

Dr. Georg Sauerwein

war der bedeutendste Sprachgelehrte seiner Zeit, beherrschte er doch, wie eine genaue und gewissenhafte Nachprüfung erweist, nicht weniger als 62 Sprachen und Mundarten. Damit tritt er in die vorderste Reihe aller Sprachkenner, von denen wir wissen.

Georg Julius Justus Sauerwein war kein gebürtiger Gronauer; er wurde am 15. Januar 1831 zu Hannover geboren, verbrachte seine ersten Kinderjahre in Schmedenstedt im Kreise Peine, kam aber bereits 1840, als sein Vater erster Pfarrer zu Gronau wurde, nach hier und verlebte nun eine Jugendzeit, die den Keim zu seiner späteren Bedeutung legte und ihn zugleich zu einem echten Gronauer Kind werden ließ. Er besuchte das Gymnasium in Hannover und bestand als Siebzehnjähriger seine Reifeprüfung, nach dem er alle Klassen als erster durchlaufen hatte. Auf der Universität in Göttingen studierte er zunächst Theologie, wandte sich aber bald seinem eigentlichen Wissensgebiete zu, den Sprachen. Zuvor hörte er nebenbei auch Vorlesungen Medizin, Botanik und Chemie, doch die Sprachen blieben ihm die Hauptsache. Schon auf dem Gymnasium hatte er außer den Schulfächern Italienisch und Hebräisch betrieben, jetzt erlernte er Sanskrit, Arabisch, Syrisch, Aethiopisch, Persisch, Armenisch, Türkisch. Einmal unterbrach er seine Studien durch eine Reise nach Wien, um sich dort im Verkehr mit Montenegrinern und Türken in deren Sprachen zu üben. Im Jahre 1851 sagte Sauerwein der Universität endgültig Lebewohl, ohne einen festen Abschluß seiner Studien, und ging als Hauslehrer nach Landrillo bei Conway in Wales. Hauptsächlich, weil er die recht schwierige Welsche Sprache erlernen wollte. Dann wurde er (1857-1860) in Neuwied Lehrer und Erzieher der Prinzessin Elisabeth von Wied, der späteren Königin von Rumänien, die unter dem Namen Carmen Sylva als Schriftstellerin bekannt geworden ist. Diese Stellung mußte er wegen einer Erkrankung aufgeben, aber die Prinzessin blieb ihrem Lehrer zeitlebens in dankbarer Verehrung verbunden; sie stand im Briefwechsel mit ihm, lud ihn sogar einmal zu monatelangen Aufenthalt nach Rumänien, und in ihren "Erinnerungen" setzte sie ihm ein warmherziges Denkmal.

Immer wieder kehrte Sauerwein nach Gronau zurück; hier war seine Heimat, hier fand er Muße und Erholung,  bis ihn dann Wissens- und Tätigkeitsdrang wieder in die weite Welt hinaus trieben. Kurze Zeit war er Hilfsbibliothekar in Göttingen, 1874 machte er eine große Reise nach Schweden, Finnland, Rußland und Estland, 1884 nach Afrika, - aber  wer wollte alle seine Reisen und Fahrten aufzählen? Sie führten in bald hierhin, bald dorthin, besonders häufig zu den Litauern, Wenden und Lappländern, deren vom Untergang bedrohte Sprachen es ihm angetan hatten und für deren Schutz er mit Wort und Schrift eintrat. Vielfach unternahm er seine Reisen im Dienste der englischen Bibelgesellschaft. Mit dieser war er schon in jungen Jahren in Verbindung getreten, und bis 1896, wo man ihn in den Ruhestand versetzte, hat er für sie als Bibelübersetzer und Bearbeiter seine Hauptlebensarbeit geleistet.

Aber Sauerwein war nicht nur ein Sprachgenie, er verfügte auch über ein umfassendes Wissen, besaß vor allem große Geschichtskenntnisse, und vermochte alle ihm wichtig erscheinende Ereignisse des engen wie des weiten Lebens in bald ernsten, bald heiteren Versen zu besingen. Als sich die Gronauer 1871 nicht über ihre Siegesfeier einigen konnten, brachte er an seiner Wohnung (an Herings Hause) ein Leuchtbild mit dem launigen Spruch an:

"Ein einig Deutschland Bismark macht, an Gronau hat er nicht gedacht. Gronau in einen Kopf zu bringen, das würd´selbst Bismark nicht gelingen."

Sein erstaunliches Gedächtnis bewies er noch 1903 als Zweiundsiebzigjähriger, als er von Norwegen aus in einem Aufsatz die für Gronau bedeutungsvollen Jahre 1703 und 1803 eingehend behandelte und dabei die Heimatgeschichte im Zusammenhang mit der deutschen und europäischen Geschichte bis ins kleinste auseinandersetzte.

Auch an Ehrungen hat es in Sauerweins Leben nicht gefehlt. Als der Schah von Persien in Berlin weilte, berief man Dr. Sauerwein als Dolmetscher. Einen Brief des Kaisers von Abessinien in Amharischer Sprache, an die Königin von England gerichtet, konnte niemand in England übersetzen. Er mußte dem deutschen Gelehrten zugeschickt werden, der ihn dann auch übertrug. Bei solchen Gelegenheiten fand auch seine Bescheidenheit die verdiente Anerkennung. Umso stolzer darf ihn die Stadt Gronau zu den Ihren zählen, zu denen er sich selbst immer wieder zählte; denn oft setzte er unter seine Schriften die schlichten Worte: Georg Sauerwein aus Gronau in Hannover.

In Norwegen ereilte ihn am 16. Dezember 1904 der Tod. Acht Tage darauf am 23. Dezember, ist Dr. Georg Sauerwein, seinem Wunsche gemäß, in heimatlicher Erde, auf dem schönen Lehder Friedhof zu Gronau zur letzter Ruhe bestattet.

Mit Recht erachtete es die Stadt Gronau für ihre Pflicht, ihres bedeutenden Mitbürgers an seinem 100. Geburtstage, dem 15. Januar 1931, in einer würdigen Gedächtnisfeier zu gedenken und eine Erinnerungstafel am ersten Pfarrhause anzubringen, dem Hause, in dem Georg Sauerwein seine Jugendjahre verlebt hat. Die Feier fand in Anwesenheit von Verwandten, Freunden und Bekannten Sauerweins und zahlreicher Gronauer Einwohner in der geräumigen, aber fast überfüllten, Turnhalle statt. Nach einer Begrüßungsansprache des Bürgermeisters Keuneke schilderte ein Neffe Georg Sauerweins, Pastor Sauerwein aus Heinde, Leben und Wirken des Gelehrten. Die schlichte Feier, verschönt durch Liedervorträge des Männergesangvereins, wurde durch Rundfunk übertagen, und so konnte daran eine große Hörerschaft im ganzen Hannoverlande teilnehmen. Nach der Enthüllung der Gedenktafel am ersten Pfarrhause versammelte man sich zu einem Zusammensein im Ratskeller. wobei viele, zum Teil ergötzliche Einzelheiten aus dem Leben Sauerweins zu Tage kamen und so das menschliche Bild dieses ebenso bedeutenden wie eigenartigen Mannes vollendeten.

Um auch in der Nachwelt das Andenken an Dr. Sauerwein wachzuhalten, wurde auf Beschluß der städtischen Körperschaften der bisherigen Neuen Straße der Name "Sauerweinstraße" beigelegt.

Schlußworte

Die mehr als 600jährige Geschichte der Stadt Gronau ist an unseren Augen vorübergegangen, reich an Leid, aber auch nicht arm an Freude. Wenn wir daraus die Gewißheit schöpfen, daß auf die trübe Gegenwart auch wieder eine glücklichere Zukunft folgen wird, so hat dieses Buch seinen Zweck erfüllt. Möge es jeder Leser aus der Hand legen mit dem Willen, an seiner Stelle diese glücklichere Zukunft mit vorbereiten zu helfen! 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

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